3 Dinge, die ich von Sven Knipphals gelernt habe

From the Blog

Sven Knipphals YPSI

3 Dinge, die ich von Sven Knipphals gelernt habe

Sven Knipphals lief mit 17 Jahren bei einem Wettkampf eine persönliche Betzeit von 12,39 Sekunden über 100m. 12 Jahre später stellte er eine persönliche Bestleistung von 10,13 Sekunden über 100m ein. Neben einigen Medaillen bei den Europameisterschaften ist er auch auf Platz 9 der ewigen deutschen Sprintbestenliste.

Ich arbeite seit Sommer 2015 mit Sven in den Bereichen Krafttraining, Ernährung und Supplementierung zusammen und habe in dieser Zeit seine sehr kritische und reflektierte Herangehensweise an das Thema Training kennengelernt. Und von ihm sehr viel über Sprint gelernt.

Nachdem er in diesem Sommer seinen Rücktritt vom aktiven Sprint bekanntgegeben hat und wir gleichzeitig das „Mach dich schneller“ Buch veröffentlicht haben, fand am vergangenen Wochenende in der Woche des Release des „Mach dich schneller“ Buchs auch das passende YPSI Sprint Seminar mit ihm statt. Bei diesem Seminar waren für mich eine ganze Hand weiterer, neuer Wissensperlen dabei. Drei davon sind:

1. Die Orientierung der Facettengelenke als Basis für Rückenschmerzen

Die Facettengelenke der Wirbelsäule oder auch Wirbelbogengelenke genannt dienen neben der Bandscheibe und den Wirbelsäulenbändern der gelenkigen Verbindung benachbarter Wirbel. Ihre Funktion ist es vor allem, ein Gleiten nach vorne und ein Drehen der Wirbel gegeneinander einzuschränken. Je nach Lage der Wirbelgelenke an der Wirbelsäule begrenzen verschiedene Formen und Stellungen ihrer Gelenkflächen eine Beweglichkeit der Wirbelkörper gegeneinander in unterschiedlichem Ausmaß. In der Brustwirbelsäule (kurz BWS) sind die Facettengelenke primär für eine Rotation und in der Lendenwirbelsäule (kurz LWS) primär für Extension und Flexion ausgelegt. Da in der heutigen Zeit jedoch die Mobilität der BWS auf Grund der nach vorne, innen und unten orientierten Alltagshaltung bei Jedem zu einem gewissen Mass eingeschränkt ist, ist eine natürliche Bewegung der BWS ebenfalls eingeschränkt. Insbesondere bei Sprints und schnellere Geschwindigkeit sorgt diese Einschränkung der Mobilität der BWS dafür, dass die darüber und darunter liegenden Segmente der Wirbelsäule im speziellen die LWS mit Rotation kompensieren. Da die Facettengelenke der LWS jedoch primär für Extension und Flexion ausgelegt sind, führt eine konstante Kompensation in Form von Rotation der LWS schnell zu Rückenschmerzen. Der Grund dafür ist in diesem Fall keine Schwäche der Rumpfmuskulatur sondern ein Mangel an Mobilität der BWS, der die Rotation in der BWS einschränkt und mit einer Rotation des LWS kompensiert welche dann diese reizen.

2. Es kann bis zu 3 Wochen dauern sich von einem einzigen schnellen Sprint zu erholen

Es gibt kaum wissenschaftliche Untersuchungen zur Regeneration von Ausnahmeleistungen vor allem im Bereich des Leistungssports mit höheren Intensität wie Explosivkraft- und Speed-Sportarten. Im Leistungssport mit niedrigen Intensitäten wie dem Marathon ist belegt, das die Regeneration basierend auf Entzündungsmarkern von einer Höchstleistung bis zu 4 Wochen dauern kann. In Explosivkraft- und Speed-Sportarten gibt es einzelne Hinweise für allem aus den Wurfsportarten wie die Arbeit von Hammerwerftrainer Anatoly Bondarchuk, die auf eine Regeneration von 14 Tagen nach einem einzigen Hammerwurf auf Elite Niveau hindeuten. Sven hatte beim Seminar einen interessanten Bericht von einem britischen Sprinter, der einen persönlichen Rekord von 9,93 Sekunden über 100m aufgestellt hat. In seinem Fall wurde Laboruntersuchungen zum Testosteron-Cortisol-Verhältnis durchgeführt, die zeigen, das obwohl der Athlet sich subjektiv sehr gut gefühlt hat, sein Testosteron-Cortisol-Verhältnis für ganze 3 Wochen nach seinem persönlichen Rekord aus dem Gleichgewicht war. Während die meisten Sprinter sicher nach einigen Tagen oder einer Woche schon wieder ihre Sprintschuhe angezogen hätten, zeigte hier der Labortest eine deutliche Einschränkung von Leistungsfähigkeit und Regeneration für ganze 3 Wochen nach einem einzigen Sprint. Hier muss natürlich in Betracht gezogen werden, dass dieser einzelne 100m Sprint mit einer Zeit 9,93 Sekunden auf Elite Niveau ist. Bei dieser Zeit entwickeln Nervensystem und Muskulatur Kräfte, die den Köper auf gut 12 m/s beschleunigen. Ebenfalls müssen diese extrem hohen Kräfte von Muskulatur und Faszie absorbiert werden was dem Körper einem massiven Stress aussetzt. Dessen Regeneration nachweislich wesentlich länger dauert, als viele sicher vermuten.

3. „Mein Vater hatte schon schlechte Zähne, das heisst ich muss meine Zähne erst gar nicht putzen“

Ein solches Leitmotiv ist sicherlich grundsätzlich und vor allem im Rahmen des Trainings sehr limitierend. Jeder, der mit Sport und Leistungssport zu tun, hat diesen Ansatz schon kennengelernt. War schon der Vergangenheit so, bringt jetzt auch nichts. Ein Leitmotiv, das in der Praxis konstant widerlegt wird. Wenn schnell sein will, muss leichter werden – einem 96kg schweren Usain Bolt hat dies zum Glück niemand gesagt. Kniebeugen sind schlecht für die Knie, den ich kenne jemand der von Kniebeugen Knieschmerzen bekommen hat und Krafttraining macht sowieso langsam – der deutschen Sprint Elite, die alle im Bereich des zweifachen Körpergewichts und darüber hinaus LH Kniebeugen machen, hat das zum Glück niemand gesagt. Wir müssen von April bis September jede zweite Woche zu Sprintwettkämpfen fahren – das funktioniert wenn man 10,8 Sekunden auf 100m läuft, auf Spitzenniveau können die meisten Sprinter mit den heutigen Zeiten im Bereich von 10,0 Sekunden, jedoch nur ein bis zwei Mal pro Jahr Spitzenleistung abrufen. Überlieferungen und Mythen aus der Vergangenheit sind in vielen Fällen sind relevant und limitieren einzelne Trainierende und Sportlern in Ihrer Leistung. Sven’s Aussage „Mein Vater hatte schon schlechte Zähne, das heisst ich muss meine Zähne erst gar nicht putzen“ ist sicher eine sehr lustigste Art dieses Problem in Worte zu fassen.

Die Teilnehmer des Seminars waren begeistert vom Einblick in das Training von schnellen Sprint und die einzelnen Facetten von Sprinttechnik über Trainingsplanung bis hin zu den vielen kurzen Anekdoten aus der Welt des Top Sprints.

Vielen Dank an Sven für diese drei Perlen, das Seminar, das Buch und die Zusammenarbeit!

Für Alle, die das „Mach dich schneller“ Buch noch nicht gelesen haben, alle Details hier

Bild: Sven Knipphals bei einem Vortrag beim YPSI Sprint Seminar im Rahmen des “Mach dich schneller” Buch Release am 20.Oktober im YPSI in Stuttgart.