YPSI – Wolfgang Unsoeld

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Was uns der Trizeps von Ratten über science-based Training lehrt

Vor einiger Zeit habe ich mich  im Rahmen einer Post-Mittagessen-Recherche ein bisschen durch die Physiopedia Website geklickt, um zu sehen, ob ich etwas Interessantes über Anatomie finden kann.

Schließlich landete ich auf deren Seite über den Triceps brachii (1).

Unter „Funktion“ las ich den folgenden Absatz:

„Die Muskelhistologie und die durchschnittlichen Innervationsverhältnisse, die aus der absoluten Anzahl der Motoneuronen (MN) geschätzt wurden, zeigten, dass der mediale Kopf überwiegend von kleinen Typ-I-Fasern und motorischen Einheiten (69 Fasern/MN) gebildet wurde. Im Gegensatz dazu umfasste der laterale Faszikel eine große Menge an großen Typ-IIb-Fasern und motorischen Einheiten (179 Fasern/MN), während der lange Kopf aus einer ausgewogeneren Mischung von Fasertypen und motorischen Einheiten bestand (99 Fasern/MN). Daher wird der laterale Kopf für Bewegungen verwendet, die gelegentlich hohe Kraft erfordern, während der mediale Kopf präzisere Bewegungen mit geringer Kraft ermöglicht.“ (2)

Ich war überrascht, denn das steht im Gegensatz zu dem, was ich in der Praxis, im Gym und den Trainingsprogrammen der Kunden und Athleten mit denen ich arbeite, ständig sehe und analysiere.

In Praxis ist statistisch gesehen die Rekrutierung der Fast-Twitch-Fasern umso größer, je weiter der Ellenbogen in einer stehenden Position vom Boden entfernt ist. Dabei ist der lange Kopf des Trizeps statistisch gesehen der fast-twitch dominanteste Kopf der drei Köpfe des Trizeps.

Meine Fragen waren: Wie kam man in der Studie zu dieser Schlussfolgerung und den Ergebnissen?

Ich sah mir den Abstract an und fand ein Wort, das mich wirklich überraschte. Es war das Wort „Ratte“.

Ein genauerer Blick auf das Volltext-PDF der Studienoffenbarte die ganze Sache. 

Die Studiengruppe waren gezüchtete Albino-Laborratten.

Ja, es gibt definitiv viele Vorteile, mit Ratten zu forschen. 

Aber die Erforschung der Muskelhistologie, der Muskelinnervation und der potenziellen Faserrekrutierung mit einem Tier, das auf allen Vieren geht, und dann Schlussfolgerungen zu ziehen und auf der Grundlage dieser Ergebnisse Empfehlungen für Menschen zu geben, die aufrecht auf zwei Füßen gehen, ernsthaft?

Und ich bin sogar über die gleiche Referenz auf der wikipeda-Seite des Triceps brachii gestolpert (3).

Bei diesem Szenario gibt es drei wesentliche Punkte zu beachten:

1. Im Grunde schaut sich niemand jeden Verweis in einem Artikel im Detail an, auch ich nicht.

2. Ich habe mir die Referenz in diesem Fall nur deshalb genauer angesehen, weil die Schlussfolgerung im Widerspruch zu dem stand, was ich in der Praxis beobachte.

3. Die Verwendung dieser Schlussfolgerung beim Programm Design und der Übungsauswahl, die auf der Website angegeben sind, hätte zu einem suboptimalen Trainingsprogramm geführt. Und damit zu ausbleibendem Fortschritt im Training.

Das ist ein klassisches Beispiel dafür, dass die Verwendung von Wissenschaft oder die Interpretation von Wissenschaft der Verwendung von Beobachtungen aus der Praxis teils deutlich unterlegen ist. 

Nicht, weil die Wissenschaft unwichtig oder minderwertig ist. 

Sondern weil ihre Anwendung in diesem Szenario es ist. 

Rückschlüsse von einer Ratte, die auf allen Vieren geht, auf einen Menschen, der aufrecht auf zwei Füßen geht, auf die Muskelfaserrekrutierung zu ziehen, ist einfach falsch.

Das ist so ähnlich, wie wenn man von der Ernährung eines Gorillas oder eines Ochsen auf die Ernährung des Menschen schließen würde.

Nutze die Wissenschaft, um die Trainingsplanung zu optimieren, indem man sie mit guten Beobachtungen aus der Praxis kombiniert.

Für mehr Fortschritt durch Training.

Referenzen:

  1. https://www.physio-pedia.com/Triceps_brachii
  2. Lucas‐Osma AM, Collazos‐Castro JE. Compartmentalization in the triceps brachii motoneuron nucleus and its relation to muscle architecture. Journal of Comparative Neurology. 2009 Sep 20;516(3):226-39.
  3. https://en.wikipedia.org/wiki/Triceps

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